Dialysematerial 400kg

HHD – Heimhämodialyse

Seit Anfang April behandle ich mich selbst mit HHD. Meine ersten Erfahrungen beschreibe ich in diesem Bericht.

Von zehn Jahren Zentrumsdialyse ausgehend, habe ich jetzt vor allem das Gefühl von wiedergewonnener Freiheit. Diese zurückgewonnene zeitliche Flexibilität ist ein großer Segen für mich. Ich muß nun nicht mehr auf Biegen und Brechen den Zentrumsrhythmus einhalten und kann zeitlich flexibel die Dialysebehandlung auf meine Bedürfnisse abstimmen.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass ich nun nicht mehr dauernd nicht zuhause bin. Bisher war es für meine Familie ganz klar, das der Papa in der Dialyse ist und somit häufig nicht anwesend. Besonderere Momente im Familienleben, z.B. ein Kind hat Geburtstag, oder es sind Feiertage, der fest vorgegebene zeitliche Rahmen der Zentrumsbehandlung läuft weiter. Viele dieser Begebenheiten bekam ich in der Vergangenheit gar nicht mit. Alle Familienmitglieder litten unter diesen Zwangsunterbrechnungen.

Sehr positiv empfinde ich, dass die Kinder mehr mit meiner Erkrankung konfrontiert sind, wenn ich zuhause dialysiere. Davor habe ich mich, ehrlich gesagt ein wenig gefürchtet. Nun nach einigen Wochen an der HHD haben sich diese Ängste aber als nicht zutreffend herausgestellt. Alle Familienmitglieder gehen unbeschwert mit der neuen Situation um. Dies liegt meines Erachtens vor allem an der großen Sicherheit, die ich mitbringe.

Diese Sicherheit ist eine Voraussetzung und Bedingung für eine erfolgreiche HHD. Ich habe sie erworben, indem ich mich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt habe. Im Dialysezentrum wurde ich durch gute Anleitung gefördert und ich hatte in zunehmendem Maße den Eindruck, dass ich mich selbst behandeln kann. Anfangs war die große Schwierigkeit das Punktieren des Shunts, später kamen die Bedienung der Dialysemaschine und die vielen Fehler und Missgeschicke, die einem dabei passieren können. Besonders durch die Möglichkeit der zentralisierten Heimdialyse konnte ich eine so große Sicherheit erlangen, so dass sich jetzt am Ziel (nämlich HHD zuhause!) die Behandlungen gar nicht so anders anfühlen wie im Zentrum.

Aber es ist doch vieles ganz anders. Ich fühle mich einfach wohler im Kreis der Familie. Auch wenn die anderen Familienmitglieder nicht bei mir im Raum sind. So höre ich doch ihre Geräusche und bekomme viel vom dem mit, was gerade so läuft. Das tut mir sehr gut.

Es ist eine Herausforderung, das für die HHD benötigte Material zu lagern. Über mein Holzbauprojekt „Dialyselager“ habe ich ja bereits berichtet. In der Wohnung selbst lagere ich nur Bedarfsmaterial für max. eine Woche. Eine Lieferung für ca. 8 Wochen Dialyse kommt mit einer Palette auf einem Hubwagen und wiegt etwa 400kg.

Materialschrank in der Wohnung und in der Nähe der Dialysemaschine mit Inhalt für eine Woche. Ganz unten steht ein Konzentratkanister. So ein 10l-Kanister hält für etwa zwei Behandlungen.

Herausforderung zwei war die Gestaltung der Technik. Ich bin sehr geräuschempfindlich und ich wollte unbedingt erreichen, die Osmoseanlage nicht im Behandlungsraum zu betreiben. Diese Anlage macht einen gehörigen Lärm. Ein Zischen und Klicken ununterbrochen. Das würde mich im tatsächlichen Behandlungsraum schon sehr stören. Daher habe ich den Dialyseraum so gewählt, dass an der Rückwand das kleine Bad anliegt. Der Sanitärinstallateur hat ein 50mm Leerrohr als Verbindungsglied zwischen den beiden Räumen eingebaut. Dank Trockenbau überhaupt kein Problem.

Alle nötigen Anschlußleitungen für die Dialysemaschine laufen durch das Leerrohr (in der Mitte) in den Raum nebenan…
…und kommen an der Dialysemaschine heraus.

Im Behandlungsraum höre ich nichts von der Osmoseanlage. Und wenn sich Probleme mit dieser Gesamtanlage ergeben, muß ich sowieso die laufende Behandlung abbrechen und das technische Problem lösen, bevor ich wieder eine neue Behandlung starten kann.

Allgemein stelle ich fest, dass ich mich nun noch intensiver mit dem ganzen Behandlungssystem befasse. Das empfinde ich aber nicht als Belastung, sondern es gefällt mir, mich auszukennen. Und schließlich ermöglicht dieses System mein Weiterleben. Es ersetzt meine Niere, die nicht mehr funktioniert!

Bei der Dialyse im Zentrum hatte ich ja mit Logistik und Lagerhaltung nichts zu tun. Und auch die Entsorgung des Abfalls wurde dort erledigt, ohne dass ich etwas damit zu tun hatte. Apropos Abfall: Die Kanister und leeren Bibags nimmt der KfH-Logistik-Mitarbeiter wieder mit. Und ich trenne brav alle wiederverwertbaren Stoffe und führe diese wieder dem Kreislauf zu.

Ein wichtiger Vorteil der Heimhämodialyse ist auch, dass ich mich kontinuierlicher behandeln kann. Der lange Wochenendintervall hat mir bisher schon Probleme gemacht. So habe ich Urämiegifte im Atem und auch im Körper wahrgenommen. Meist sind mir diese Symptome nach Wochenendausflügen oder intensiven Arbeitseinsätzen aufgefallen. Die jetzt regelmäßigeren Behandlungsintervalle bringen da schon eine Menge. Und vor und nach einem Ausflug in die Berge kann ich jeweils eine Behandlung einplanen. Dass ich noch einen ganzen Tag auf eine Behandlung warten muß, obwohl ich mich sehr vergiftet fühle, ist jetzt mit der HHD nicht mehr nötig. Toll!

2 Gedanken zu „HHD – Heimhämodialyse“

  1. Lieber Herr Göbl,
    herzlichen Glückwunsch und gleichzeitig Dank für den schönen Beitrag. Niemand kann besser eine solche Situation beschreiben wie der, der in ihr lebt. Sie haben eindrucksvoll beschrieben wie sich Ihr Leben durch die Heimhämodialyse geändert hat und nun „anfühlt“. Sie haben damit nicht nur Ihr Leben mit der chronischen Nierenerkrankung „freier“ gemacht, sondern Sie werden mit Ihrem Blog-Beitrag auch Informator, Botschafter und Motivator für andere Menschen die mit chronischer Dialyse leben müssen. Es war kein einfacher Weg. Ich erinnere mich an unsere Telefonate und Emails im letzten Jahr, an Pläne und Hindernisse. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt für Sie möglich geworden ist. Das ist unser Ziel im KfH. Ihren Beitrag zu lesen und Ihre Lebensfreude dabei zu spüren hat mir große Freude gemacht und ich bin neugierig auf weitere Blogs von Ihnen zum Thema Heimdialyse.

    Viele Grüße,
    Benno Kitsche

    Dr. med. Benno Kitsche
    Facharzt für Innere Medizin/Nephrologie, Hypertensiologe DHL
    Beauftragter des Vorstandes zur Weiterentwicklung
    und Förderung der Heimdialyse
    KfH Kuratorium für Dialyse
    und Nierentransplantation e.V.
    http://www.kfh-heimdialyse.de

    1. Hallo Herr Kitsche,
      vielen Dank für Ihren sehr wertschätzenden Kommentar. Und ja, die Möglichkeit andere Patienten an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen ist eine große Motivation. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind größer als es sich auf den ersten Blick darstellt. Herzliche Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.